Die Mathematik hinter FIRE funktioniert nicht

Niklas Fischer

Niklas Fischer

Coach & Mentor

Wer sich mit dem Anlegen von Geld beschäftigt und die Weiten des Internets erforscht, stolpert zwangsläufig irgendwann über die vielen Blogger, die sich rühmen, mit jungen Jahren finanziell unabhängig geworden zu sein. Die bedienen sich der hochgelobten 4%-Regel:

Wenn du das 25-fache deiner jährlichen Ausgaben gespart hast, kannst du in Rente gehen#

Oder, um den Namen zu erklären: Du darfst von deinem Vermögen maximal 4 % jährlich entnehmen, damit dir das Geld mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit nicht ausgeht. Die Idee basiert auf der Trinity-Studie. Es wurde ein fiktives Vermögen für 50/50 in Anleihen und Aktien angelegt. Und zwar für jeden Zeitpunkt ab 1925 für 30 Jahre. Hätte man zu diesen Zeitpunkten jeweils eben genannte 4 % maximal entnommen, wäre man nicht pleite gegangen.

Das ist die Idee.

Angriffspunkte der 4%-Regel#

Es gibt viele Aspekte, die man der daraus abgeleiteten und verbreiteten 4%-Regel angreifen kann:

  • Es sind nur US-Wertpapiere und keine der restlichen Welt
  • Es wurden nur 30 Jahre betrachtet. Was passiert, wenn man den Rest der Welt betrachtet?
  • Was ist mit den Zeitpunkten davor, wofür man keine Daten hat?
  • Was mache ich, wenn ich länger lebe und mir das Geld ausgeht?

Je nach Betrachtungsweise muss man die Entnahme entsprechend verringern, damit einem niemals das Geld ausgeht. Oder, um die Gegenargumente zu betrachten:

  • Ich muss ja nicht aufhören zu arbeiten. Ich kann noch nebenher Geld verdienen.
  • Was ist, wenn ich morgen überfahren werde?
  • Das ist nur eine Faustregel
  • ...

Wie man es dreht und wendet#

Die meisten, die sich mit finanzieller Unabhängigkeit auseinandergesetzt haben, haben diese Regel verinnerlicht und dementsprechend ihr Geld angelegt. Sie mögen es nur als Faustregel betrachten, doch solche Faustregeln tendieren bei manchen Individuen zu extremen Auslegungen, die sie als nichts als die Wahrheit darstellen.

Doch ein Punkt wurde übersehen, der die ganze Logik hinter der 4%-Regel infrage stellt.

Die Illusion des Truthahns#

Gerd Gigerenzer beschreibt in seinem Buch Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft die kognitive Verzerrung des Truthahns:

Der Truthahn wird tagein, tagaus gefüttert. Das freut ihn, denn er führt dadurch glückliches, weil wohlgenährtes Leben. Jede Fütterung bestärkt ihn in seinem Glauben,, dass es eine allgemeine Lebensregel ist, von den lieben Menschen gefüttert zu werden. Am Tag vor dem Erntedankfest geschieht jedoch etwas, das Glauben des Truthahns stark erschüttern wird: Er wird geschlachtet.

Anhand einer Variable ("ich werde gefüttert") hat der Truthahn sich auf einen Trend für die Zukunft festgelegt, ohne jedoch sein Umfeld oder die gemessene Variable zu hinterfragen. Die Konsequenz ist eine Veränderung der Umgebung, die ganz und gar nicht zu den Gunsten des Truthahns ausgehen.

Der FIRE-Truthahn#

Bei der FIRE-Bewegung sieht es ähnlich aus. Anhand einer Studie, die ihre Analyse auf einen bestimmten Zeitraum der Börsenentwicklung in den Vereinigten Staaten beschränkt, haben sich Tausende Menschen formiert, um anhand dieser Variable ihr Geld anzulegen und auf den goldenen Topf am Ende der Regenbogen-Arbeit geduldig abzuwarten. Sie gehen davon aus, dass die Zukunft sich anhand der Vergangenheit vorhersagen lässt (ein weit verbreitetes Spiel bei Börsenspekulationen im Übrigen).

Ich selbst#

Bin dieser Illusion auch erlegen. Ich habe angefangen, mein Geld in ein ETF-Depot zu legen und brav anzusparen, damit ich in einer unbestimmten Zeit in der Zukunft nicht mehr für Geld arbeiten muss. Bis sich durch Zufall meine Investments verändert haben und Immobilien nun ein Teil dessen sind. Deshalb habe ich das Depot aus den Augen verloren und die 4%-Regel für mich ad acta gelegt. Wenn abgezahlte Immobilien mir ein monatliches Einkommen geben, brauche ich mich nicht darum zu kümmern, wie viel ich von meinem Ersparten wann entnehme. Vieles davon war Glück und eine Änderung meiner Bedürfnisse aufgrund meiner Situation, aber es ist ein Hinweis, nicht alles auf eine Karte zu setzen.

Die genaue Entnahme hin oder her#

Es ist nicht relevant, ob die 4 % Entnahme korrekt sind. Die Zahl könnte auch genauso gut 1, 2 oder 10 % lauten. Natürlich, wer mehr als das 25-fache seiner jährlichen Ausgaben als Puffer anlegt, der hat mehr Sicherheit, dass ihm nie das Geld ausgeht. Das Risiko wird immer weiter minimiert, je mehr Geld beiseite liegt im Vergleich zu den eigenen Ausgaben. Aber die Grundannahme ist falsch: Die Zukunft lässt sich nicht aus der Vergangenheit prognostizieren. Wer glaubt, mit einem Betrag X auf der sicheren Seite zu sein, kennt Fortuna nicht. Ihr fällt immer etwas ein. Die Zukunft steht nicht fest aufgrund der Vergangenheit. Sie ist unvorhersehbar und lässt sich nicht in eine kleine, feine Formel pressen.

Alles kann passieren#

Wir haben heute nichts in der Hand, das uns mehr als das Wetter von morgen (selbst das ziemlich ungenau) vorhersagen lässt. Die EZB könnte den Zins stark erhöhen oder senken, es könnte eine Steuer auf Kapitalerträge geben oder die Börse wird abgeschafft und verboten. Die nächste Weltwirtschaftskrise wartet vielleicht bereits an der Schwelle zum nächsten Jahr. Oder eine Malware vernichtet alle Schulden weltweit.

Unwahrscheinlich? Ja.

Unmöglich. Definitiv nein.

Die Alternative#

Verlass dich nicht nur auf eine Messzahl oder eine einzige Investition. Die Welt wird sich verändern und nichts steht fest. Diversifiziere deine Investments, bilde dich weiter, sichere dich ab. Das wird dir helfen, selbst in unsicheren Zeiten Geld auf der Seite zu haben. Mehr Geld als die meisten anderen.

Mein Depot habe ich immer noch, als Sicherheit und für schnell verfügbares Geld. Aber nicht für eine Entnahme aufgrund einer Logik, die sich nicht bewahrheitet.