Was es heißt, artgerecht zu leben

Niklas Fischer

Niklas Fischer

Coach & Mentor

6:00 Uhr morgens. Wir hören in weiter Entfernung ein "Biep biep, biep biep". Langsam löst sich der Dickicht des Schlafs. Das Biepen wird lauter. Und lauter. Noch schlaftrunken klopfen wir beherzt auf den Wecker, damit dieses nervtötende Geräusch aufhört. Den Rollladen machen wir hoch, aber an der Helligkeit im Raum ändert sich nichts Draußen ist es dunkel. Kein Wunder, es ist noch praktisch Nacht. Wir schlurpen zum Schrank, um die tägliche Arbeitskleidung anzuziehen. Ist das getan, geht es ein paar Meter weiter Richtung Küche. Zum Glück sind wir gesegnet mit den modernen Wundern der Technik: Die Kaffeemaschine füllt nach nur einem Knopfdruck das braune Gold in Form des typischen Guten-Morgen-Getränk des Deutschen in die Tasse. Denn ohne würde sich unsere Schlafphase nur noch mehr in die Länge ziehen. Ein Schluck davon nehmen wir und schwupps, ab auf die Toilette. Das typische Ritual an jedem Arbeitstag, der so startet. Aufstehen, Kaffee, Klo. Nachdem wir alles gerichtet haben, was wir für die Arbeit brauchen, müssen wir noch unseren Hintern in das Auto schwingen, das uns nach einer aufreibenden Fahrt durch den Arbeitsverkehr und nur 20 min Stau in die ach so geliebte Arbeit bringt, die tagein, tagaus immer gleich bleibt.

Dieselben Kollegen, dieselbe Körperhaltung, dieselben Aufgaben, dieselben Dramen und Problemchen. Nach denselben 8 Arbeitsstunden, die es jeden Tag sind, treten wir den Heimweg an, der sich wieder gleich gestaltet wie der Hinweg. Fahren, niemanden umbrettern, weil er sich nicht an die Verkehrsregeln hält, nach Hause, auf die Couch. Das Abendessen ist dem morgentlichen Kaffee nicht unähnlich. Ein Knopf auf der Mikrowelle oder dem Backofen bedienen, warten, konsumieren. Vor dem Fernseher auf der Couch isst es sich auch viel schöner, als dem Partner ins Gesicht zu sehen und mit ihm über die alltäglichen Dinge zu reden, die eben so geschehen. Wenn wir noch motiviert sind, machen wir am Abend vielleicht etwas Schönes, beispielsweise fröhnen wir ein teures Hobby oder gehen mit Freunden aus - eben etwas, das uns von dem tristen Alltag ablenkt.

Was wie eine überspitzte Darstellung eines typischen Werktags aussieht, ist nicht fernab der Realität der meisten Menschen in Industriestaaten. Die Tage mögen nicht alle so aussehen, aber sie sind sich oft frappierend ähnlich. Wir haben die Tendenz, immer dieselben Dinge zu tun, in derselben Weise, zur selben Zeit.

Der Rhythmus der Natur#

Der moderne Mensch verbringt seine Zeit oft mit immer denselben Dingen. Wir sind immer denselben Reizen ausgesetzt (dazu später mehr) und handeln oft gleich. Schauen wir uns die Abläufe an:

  1. Aufstehen
  2. Kaffee
  3. Auto fahren
  4. Sitzen
  5. Auto fahren
  6. Sitzen
  7. Schlafen
  8. Wieder bei 1 anfangen und alles wiederholen

Tag für Tag. Nur die Wochenenden unterscheiden sich von diesen Abläufen, weil wir nicht zur Arbeit fahren, sondern zu Freunden, damit wir dort sitzen und uns nicht bewegen. Diese monotone Rhythmik entspricht nicht dem Auftreten von Lebensumständen in der Natur. In der Zeit, wo der Mensch noch seine Zeit quasi dauerhaft den Naturgesetzen unterworfen war, war das anders. Jeder Tag unterschied sich zwangsweise vom nächsten. Mal musste der Mensch sich viel bewegen, weil er auf Jagd war oder die Ausbeute beim Sammeln gering. Mal trafen sich die Menschen stunden- oder tagelang für Rituale, mal lagen sie einfach nur fertig herum und machten gar nichts. Kein Tag, keine Woche glich der anderen. Diese Veränderungen zwangen auch die Menschen immer wieder dazu, sich anzupassen. Und die Anpassungsfähigkeit des Menschen ist das, was ihn so besonders macht. Sie ist es, die den Menschen zur aktuell führenden Spezies auf den Planeten gemacht hat und jetzt ignoriert wird. Statt von dem zu profitieren, was uns so erfolgreich gemacht hat, werden wir zu Maschinen, die immer dasselbe tun - was uns letztlich krank macht.

Das hört sich so an, als ob die Bewegung der ausschlaggebende Faktor ist. Sie ist relevant, doch sie ist der Hauptaspekt. Der gleichbleibende Ablauf immer derselben Tätigkeiten bringt den Körper an den niedrigst möglichen Punkt, von welchem er die notwendigen Aufgaben gerade noch so ausführen kann. Das heißt, wir haben eine Anpassungsreaktion nach unten. Der Körper pendelt seine Homöostase, den Gleichgewichtszustand, von welchem er operiert, so niedrig wie möglich ein. Das spart Energie, die im Ernstfall das Leben retten sollte. In der Natur ist das sinnvoll. Wenn etwas das Essen rar ist, spart der Körper so Energie. Doch dieser Zustand war damals nie von Dauer. Irgendwann gab es etwas zu essen (oder man verhungerte, was aber selten vorkam).

Denn ein solcher Dauerzustand ist alles andere als hilfreich für die Gesundheit. Wir werden dadurch anfälliger für alle Arten von Reizen, denen wir eben nicht ausgesetzt sind. Die Adaptionsfähigkeit des Körpers sinkt auf ein Minimum, weil wir immer dasselbe tun und nichts verändern. Sobald wir nun einem Reiz ausgesetzt sind, der anders ist als die gewohnten Reize, haben wir ein Problem.

Das kann die Wasserkiste sein, die zu schwer ist und von dem wir einen Bandscheibenschaden bekommen oder ein Infekt (hust Corona hust). Jede Veränderung der Umwelt führt eigentlich dazu, dass der Körper superkompensiert, um danach den neuen Anforderungen gewachsen zu sein. Das geht aber nur, wenn der Körper nicht zu empfindlich ist und ein zu starker Reiz uns aus dem Gleichgewicht bringt. Krankheit und Verletzungen werden so wahrscheinlicher. Wir werden anfälliger, weil wir nicht mehr in einer so zufälligen Umgebung leben wie unsere Urahnen, die beständig der Natur ausgesetzt waren.

Reize#

Doch Rhythmik alleine ist nicht das einzige, das uns krank werden lässt. Mit der monotonen Rhythmik einer modernen Existenz geht eine starke Veränderung der Reize einher.

Jäger und Sammler hatten mit ständigen Stressoren der Umwelt zu kämpfen. Ob Hunger, Verletzungen, natürliche Stressoren wie Licht oder Kälte. Sie prägten den Körper und damit auch den Menschen über gesamte Entstehungsgeschichte des Menschen hinweg. Durch die natürlichen Stressen erlangte der Mensch Fitness - eine Anpassung an die Umwelt. Das war kein schneller Prozess. Die Menschheit wurde von ebendieser Umwelt geprägt und die Anpassungsreaktionen aus Perspektive der gesamten Menschheit in Bezug auf ungewohnte Veränderungen sind langsam. Wir können zwar mit natürlichen Reizen umgehen, sind allerdings nur in einem gewissen Rahmen anpassungsfähig.

Der moderne Käfig#

Vor Jahrhunderten fing der Mensch an, sich immer weiter von seiner Umwelt abzukapseln. Dies begann mit den Wohnbereichen, die erst ein Schutz vor den Naturgewalten war, bis er immer mehr Features erhielt. Ob Klimatisierung, Heizung, Isolierung, fließendes Wasser oder Strom. Wir sehen gar nicht mehr den Luxus, weil wir ihm täglich ausgesetzt sind und so Bestandteil des Alltags, dass er integraler Bestandteil unseres Lebens wird, den wir uns nicht mehr wegdenken können.

In vielen Bereichen hat sich unsere Umwelt stark zu der unserer Vorfahren verändert:

  • Dauerhaftes Licht verschiebt unseren Schlafrhythmus.
  • Die Arbeit im Sitzen verändert unsere Körperhaltung und die Haltung unserer Köpfe ähnelt immer mehr Schildkröten
  • Wir sind weniger der Kälte ausgesetzt als je zuvor. Die Heizung in Gebäuden übernimmt die Selbstregulation des Körpers
  • Bewegung wird durch Maschinen ersetzt
  • Selbst die Beziehungen des Menschen werden künstlich - soziale Medien lassen grüßen
  • Ein Großteil (> 70%) der von uns verzehrten Nahrungsmittel entsprechen nicht dem, was zu 99,9% der Zeit der Entstehungsgeschichte des Menschen verzehrt wurde
  • Essen ist jederzeit überall in größter Variation verfügbar. Wir werden dicker und sind dennoch schlechter ernährt
  • Der Wald ist ein paar Wiesen und Grünflächen gewichen. Wie ist es, in der Natur zu leben, wissen höchstens wenige Menschen in Dörfern oder auf Farmen

All diese Stressoren für sich genommen sind unproblematisch. Allerdings sind Stressoren nicht gleich Stressoren. Natürliche Stressoren wie Hitze, Kälte oder fehlende Nahrung zwingen den Körper zu einer Reaktion, einer Anpassung. Er fängt an, die internen Temperaturmechanismen zu aktiveren oder die Fettpolster zu mobiliseren. Das ist es, was auch in der Natur vorkommt. Weil wir anpassungsfähig sind, können wir damit umgehen. Aber zusammengenommen und dauerhaft ausgesetzt wird daraus ein Dauerstressor, der uns zu dem führt, wo wir heute sind. Der Körper kann auch mit Stressoren umgehen, die er so nicht kennt. Künstliche Süßstoffe, vollständig fehlende Bewegung, eine Druckbetankung mit kalorienreicher Nahrung oder immer dieselbe Umgebung - sie sind es, die unsere Gesundheit herausfordern.

Wenn der Tod nicht das schlimmste Übel ist#

Als Folge unserer modernen Welt sind wir mit Wohlstandskrankheiten und Todesursachen konfrontiert, die es bei Jägern und Sammlern nie gegeben hat und die einen hohen Anteil der Sterblichkeit in Industriestaaten dominieren oder die Gesundheit stark beeinträchtigen:

  • Autoimmunerkrankungen
  • Selbstmord
  • Fettleibigkeit und Diabetes
  • Herzerkrankungen
  • Schlaganfälle
  • Alzheimer
  • Krebs

Sie lassen sich verringern oder vermeiden - mit dem richtigen Lebensstil.

Back to the roots#

Die Grundproblematik ist:

Der Mensch lebt in einer Umgebung auf eine Weise, für der er nicht gemacht und für die er sich nicht anpassen konnte

Schicken wir diese Menschen zurück in die Natur, wie es bei verwestlichten Aborigines bereits gemacht wurde, ändert sich alles. Die Menschen nehmen ab, ihr Körper wird gesünder und sie werden glücklicher. Und das nur durch eine Veränderung des Umfelds. Beobachten wir indigene Stämme, von denen es heutzutage leider nur noch wenige gibt, fällt vor allem auf, dass die oben genannten Krankheiten oder Todesursachen praktisch nicht vorkommen. Sie leben ein Leben, das als artgerecht bezeichnet werden kann. Jäger und Sammler sind in einer Umgebung aufgewachsen, die sie geprägt hat und die immer noch dieselben Anforderungen stellt wie vor 100.000 Jahren. Diese natürliche Umgebung ist nicht frei von Leid, Krankheit und Tod, aber sie hat eine Lebensqualität, die seinesgleichen sucht.

Das moderne Leben bringt viele Reizen und Rhythmen mit sich, die der Gesundheit nicht förderlich sind. Es wäre allerdings zu leicht zu sagen, dass alles heute schlecht ist. Au contrair, auf keinen Fall. Dass wir heute mit jedem Menschen auf dem Globus in Kontakt treten können und manche Wunderwerke der Medizin bringen uns Bereicherungen in vielen Bereichen, Lebensqualität, oder helfen denen, die eben nicht so fit sind wie andere. Keiner würde sich wünschen, die enorme Kindersterblichkeit von Jägern und Sammlern wiederzuerlangen. Wir wollen auch nicht durch eine Entzündung sterben. Doch wir reden nicht von einem Schwarz und Weiß. Die Welt funktioniert nicht so, sondern hat viele Grautöne, von welchen wir profitieren können.

Wir wollen schließlich auch kein Leben führen, wie es unsere Vorfahren getan haben. Es muss nicht sein, dass wir jeden Tag in der Wildnis verbringen, um die größten Vorteile der Anpassungsfähigkeit zu erlangen. Wir wollen ein Leben führen, das aus unserer Vergangenheit die wichtigsten Stellschrauben übernimmt und auf heute überträgt. Wenn wir wissen, wo unsere stärksten Hebel sind, können wir aus allen Bereichen unsere Vorzüge ziehen. Im Austausch gegen ein wenig Bequemlichkeit erlangen wir so ein gesünderes und besseres Leben - kommen aber dennoch in den Genuss von einem frischen Kaffee am Morgen oder kuschligen Bett am Abend.

Artgerecht leben#

Es gibt keinen perfekten Ist-Zustand, der alles widerspiegelt, was den dem Menschen gut tut. Dennoch wissen wir ziemlich genau Bescheid, was hilft: Den Körper den richtigen Stressoren, weil natürlichen, Stressoren auszusetzen und die falschen, weil unnatürlichen, Stressoren verringern. Zu unterscheiden sind gesamtheitliche Faktoren, die das Leben einer jeden Person betreffen. Das sind:

  • Licht
  • Temperatur
  • Soziale Bindungen
  • Ernährung
  • Bewegung
  • Spiritualität

Den Körper in diesen Bereichen natürlichen Reizen auszusetzen, trägt stark dazu bei, dass wir ein gutes und gesundes Leben führen. Das heißt, dass wir natürliches Licht, wechselnde Temperaturen, intensive Bindungen zu Freunden und Familie, eine artgerechte Ernährung, wechselnde Belastung bei Bewegung und Spiritualität praktizieren sollten, um gut zu leben. Diese Bereiche betreffen jede Person, doch die körperliche Reaktion ist individuell unterschiedlich. Es ist ein fließender Prozess, der immer Veränderung unterworfen ist. In der Natur unterliegt alles der Veränderung, aber der Mensch ist kann qualitativ und quantitativ mit Änderungen nur umgehen, wenn sie sich in einem gewissen Rahmen befinden.

Hinzu gesellen sich individuelle Faktoren, die man sich genauer unter die Lupe nehmen muss, um sie spezifisch und zielführend anzugehen. Verschiedene Menschen können mehr oder weniger gut mit dem modernen Leben umgehen. Manche vertragen beispielsweise kiloweise Gluten, werden nicht dick trotz jeden Tag Fastfood und kommen mit wenig Schlaf aus. Doch das entspricht nicht dem Verhalten der meisten Menschen. Es ist schwierig, in das spezifische Leben von Einzelpersonen zu schauen, denn wahrscheinlich machen sie dafür in anderen Bereichen viel mehr richtig.

Im richtigen Maß auf die richtige Weise profitieren enorm von einer artgerechten Lebensweise. Sie hilft uns, langfristig gesund zu bleiben und eine hohe Lebensqualität beizubehalten. Das ist nur logisch. Die Natur ist so tief in unser verankert und wir müssen lernen, sie anzuerkennen. Gehen wir ein wenig besser darauf ein, dankt uns der Körper und wir führen ein langes, glückliches Leben.