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Von der Hauskatze

Hauskatzen führen ein beschauliches Leben. Aber ist es erstrebenswert?

Wer sich das Leben eines Tigers im Zoo anschaut, könnte zu dem Schluss kommen, dass es dem Tiger doch wahrlich bestens gehen muss: Er erhält regelmäßig frisch geschlachtetes Fleisch, manchmal sogar aus guter Haltung. Alle Nase lang bekommt er möglicherweise gar eine Tiger-Dame vorgesetzt, welche sich mit ihm brav paaren darf. Er wird gar von den Pflegern gekrault, umsorgt, unterhalten und selten zurechtgewiesen. Wer will auch ein wildes Tier zurechtweisen, das mehr wiegt als man selbst und mit ein paar gezielten Kratzern dich von oben bis unten aufschlitzen kann? Bedrohungen durch die Umwelt oder durch das eigene Fehlverhalten existieren nicht. Bei einer Verletzung oder Krankheit ist umgehend ein spezialisierter Tierarzt vor Ort, um ihn zu behandeln und gesund zu pflegen. So ein Tiger muss glücklich sein, oder?

Der Hauskatze, dem kleinen Ableger der Kampfmaschinen aus dem Orient, ergeht es ähnlich. Der Tag besteht in dem durchschnittlichen Haushalt besteht darin, dass sie gekrault, gefüttert, unterhalten, enthaart und bei kleineren oder größeren Vorfällen direkt zum Arzt gefahren werden. Das Schlimmste, was ihr geschehen kann, sind fehlende Leckerli am Nachmittag oder wenn ein Spielzeug kaputt geht. Einer Hauskatze kann aufgrund der ihr ausgesetzten Situation wahrlich nichts geschehen.

Lässt man die Katze jedoch nach draußen und konfrontiert sie mit dem Chaos der Natur, drehen sich die Verhältnisse um. Nun ist die Katze auf sich gestellt. Sie kann jagen, was sie allerdings nur zum eigenen Vergnügen betreibt – denn das Futter wartet bereits daheim auf sie. Sie kann die Umgebung erkunden – was allerdings wenig wert ist, wenn sie am Abend wieder eingesperrt wird. Natürlich besteht die Gefahr, dass ein Auto sie überfährt. In Städten, weniger in Dörfern, ist das ein enormes Risiko für eine Katze. Doch es konfrontiert die Katze mit ihrer eigenen Existenz. Die letzte knappe Flucht vor einem Auto wird sich immer in ihren kleinen Kopf einprägen. Sie wird ab sofort genau wissen, dass sie auf die Autos mehr acht zu geben hat, um nicht zu sterben. Sie ist mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert und kann daraus lernen. In wenigen Fällen geschieht das nicht, ein etwas zu schneller Sportwagen erwischt sie und eins ihrer neun Leben ist dahin. Was soll’s, reload. So ist es mit dem Leben. Manchmal gehen Dinge schief.

Eine Katze hingegen, die ihr Leben immer in der Wildnis geführt hat, wird eine vollkommen andere Herangehensweise pflegen. Sie hat einen anderen Charakter. Sie wird von außen härter wirken, weil das Leben seine Narben und Kratzer hinterlassen haben. Eine Wildkatze muss primär in ihrer Umgebung überleben. Sie ist auf sich gestellt. Hat sie kein Essen, muss sie es sich jagen und dafür ihre erlernten Fähigkeiten direkt und zielführend einsetzen. Findet sie nichts, wird sie verhungern. Wenn sie von einem anderen Tier angegriffen wird, wird sie sich verteidigen müssen oder fliehen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, dass sie auch hier vollständig auf ihre Fähigkeiten angewiesen ist. Keine Auffangnetze, kein Schutz – nur die raue Natur, der es egal ist, was mit ihr geschieht.

Jeder Tag wird Veränderungen für sie mitbringen, auf die sie sich anpassen und mit denen sie sich arrangieren muss. Ob sie noch ein paar leckere Mäuse in dem Loch findet, an dem sie gestern bereits war, lässt sich nicht vorhersagen. Genauso wenig wird sie wissen, ob sie in ihrem Unterschlupf morgen noch schlafen kann. Vielleicht hat ein Baum ihn vernichtet und sie muss ihn woanders suchen. Jedes Verhalten ist bedingt durch ein Muss, denn ihre Existenz hängt davon ab. Sie ist damit beschäftigt zu überleben. Ihr Leben ist von deutlich mehr Komplexität geprägt. Viele ihrer Fähigkeiten, aber auch ihre Umgebung oder andere Katzen beeinflussen die Situation, der sie ausgesetzt ist und sie hat sich dynamisch anzupassen. Der Haustiger hingegen ist mit beständiger Vorhersagbarkeit demselben Thema immer wieder konfrontiert. Aufstehen, fressen, kraulen, schlafen - nicht einmal der Rhythmus ändert sich. Falls er sich allerdings ändert, klingeln sowohl beim Haustiger als auch bei Herrchen oder Frauchen die Alarmglocken?

Warum hat die Katze gerade nicht gefressen? Warum will sie dieses Spielzeug nicht mehr? Warum ist sie heute so müde? Warum ist sie heute so aggressiv?

Da die interspezifische Kommunikation von gewissen Hürden umgeben ist, kann weder Mensch dem Tier noch umgekehrt genau sagen, was sie wollen (es kommt hinzu, dass es der Katze auch ziemlich egal wäre, was der Mensch ihnen sagt). Der Mensch geht immer vom Schlimmsten aus und umsorgt sie, bis sie vor lauter Leckerli oder Medikamenten vollgestopft sind. Die Wildkatze hingegen wird einfach ihr Mittagsschläfchen etwas verlängern und ein wenig mehr entspannen. Wenn die Jagd mal eben nicht so gut läuft, dann versucht sie es später wieder. Sie hat gelernt, mit den lauernden Unwägbarkeiten umzugehen und wird mit fast allen Hürden zurechtkommen. Der Hauskater ist hingegen bereits überfordert, wenn das Essen nicht da ist. Denn er hat nie gelernt, selbst für welches zu sorgen. Er wird mit zukünftigen Ereignissen seine Schwierigkeiten haben, die ihn vor neue Tatsachen stellen.

Wenn allerdings alles gut läuft, und meistens läuft es gut für den Hauskater, wird er er ein langes und beschauliches Leben führen. Durchschnittlich viel länger als die Wildkatze.

Aber die Wildkatze wird eine Sache nie verspüren. Langeweile.

Wer eine Anspielung auf den Menschen findet, darf sie behalten.